Blog Details

  • Home
  • Kantonale Diskussionen über «unnötige» Verpackungen machen keinen Sinn
SVI 29. Mai 2022 0 Comments

Seit Jahresbeginn gilt im Kanton Jura ein Gesetz, dass grössere Detailhändler verpflichtet, sogenanntes «überflüssiges» Verpackungsmaterial zurückzunehmen und getrennt zu sammeln. Andere Kantone diskutieren, dem Beispiel zu folgen.
Das Schweizerische Verpackungsinstitut fordert, solche Insellösungen zu vermeiden und eine gesamtschweizerische Lösung anzustreben. 

Ende letzten Jahres ist der Kanton Jura vorgeprescht: Sämtliche Läden ab 200 Quadratmetern Verkaufsfläche im Kanton sind seit 1. Januar 2022 verpflichtet, «überflüssiges» Verpackungsmaterial zurückzunehmen und getrennt zu sammeln. Ziel des jurassischen Gesetzes ist es, den Druck auf die abpackende Industrie und den Detailhandel zu erhöhen, um auf sogenannte «unnötige» Verpackungen zu verzichten. Gleichzeitig könnte die Kundschaft Geld sparen, weil sich die gebührenpflichtigen Kehrichtsäcke zu Hause weniger mit Plastik füllten, sagte Christophe Badertscher vom Jurassischen Amt für Umwelt in einem Bericht des SRF. Damit wurde das Thema Verpackungen schon von vorherein einmal mehr auf den Lieblingsfeind schweizerischer «Umweltpolitiker» reduziert: den Kunststoff. Dass Verpackungen komplexe Systeme sind, in denen Kunststoffe ein wichtiger, aber längst nicht ausschliesslicher Teil sind, wird einmal mehr ausgeblendet. Aus Sicht des SVI sind das gesamte Gesetz im Kanton Jura und entsprechende Pläne in anderen Kantonen undurchdachter und sinnloser Öko-Aktionismus.

 Beispielsweise reduziert das Gesetz im Jura Verpackungen nur auf ihre Schutzfunktion. Der Kanton hat dazu offenbar Verpackungen im Rahmen eines oberflächlichen Sichtungsverfahrens eruiert und manche Verpackungsarten als «unnötig» eingestuft. Dazu gehören das in Ökokreisen mittlerweile klassische Beispiel der in einer Kunststoffschrumpffolie eingeschweissten Gurke sowie ebenfalls in Kunststoffschrumpffolie verschweisste Multipacks, bei denen zum Beispiel drei Flaschen Duschmittel in einer Aktion zum reduzierten Preis angeboten werden oder Fertiggerichte, die zusätzlich in eine Kartonhülle gesteckt werden. All dies gefällt dem Umweltamt des Kantons Jura nicht. Dass Verpackungen mehr leisten und zum Teil gesetzlich auch leisten müssen als «nur» das Füllgut zu schützen, begreifen die jurassischen Behörden nicht. Verpackungen gewährleisten Hygiene (so auch bei den Gurken), ermöglichen eine reibungslose und schnelle Logistik auf allen Stufen und bieten dem Detailhandel auch Diebstahlschutz. Und bei den meisten Produkten sind Verpackungen zwingend notwendig, da sie die gesetzlich vorgegebenen Produktinformation wie Inhaltsstoffe, Herkunft und Mindesthaltbarkeit zur Verfügung stellen.

 Gerade das Beispiel der in einer Kunststoffschrumpffolie eingeschweissten Gurke zeigt die verkürzte Sicht im Kanton Jura. Weniger Verpackung kann vor allem bei Obst und Gemüse deutlich mehr Foodwaste bedeuten. Gemäss einer Studie der Wiener Denkstatt GmbH entsteht bei einer unverpackten Salatgurke ein durchschnittlicher Abfall von 9,4 Prozent, vor allem weil die Gurke unverpackt deutlich schneller verdirbt und die Konsumenten die eigentlich essbare Schale aus hygienischen Gründen wegschneiden. Bei einer in dünnster Polyethylen-Folie verschweissten Gurke entsteht ein Abfall von nur 4,6 Prozent. Der «Mehraufwand» für die Verpackung in Kunststoffschrumpffolie lohnt sich bei Gurken in jedem Fall, da mehr als 80 Prozent der CO2-Bilanz bei Gurken auf die Produktion entfällt und der geringe Verpackungsanteil nur eine untergeordnete Rolle in einer ökologischen Gesamtbilanz spielt. Die validierte Denkstatt-Studie ist seit ihrer Publikation im April 2015 in unzähligen Fachveranstaltungen (unter anderem beim SVI) vorgestellt worden und wird auch von «Verpackungskritikern» allgemein anerkannt. Bis zum Kanton Jura scheint sie jedoch nicht durchgedrungen zu sein.

 Generell wäre den Umweltämtern der Kantone eine ganzheitliche Sicht auf die gesamte Wertschöpfungskette der Produkte nahezulegen. Der oberflächliche Blick auf die Regale in den Läden und die vom Inhalt geleerten Verpackungen, erzeugen lediglich eine schnelle undurchdachte Klassifizierung sogenannter «überflüssiger» Verpackungen. Da die Konsumenten – trotz aller Aufklärung – noch immer kaum eine Ahnung von den ganzheitlichen Leistungen der Verpackungen haben und ihre Wertschätzung von Verpackungen auf das Müllproblem reduzieren, mögen linksgrüne populistische Schnellschüsse der Kantone da und dort vielleicht gut ankommen, aber der Umwelt und der Wirtschaft nützen sie nichts. Beim BAG in Bern geht man mit dem Thema Verpackungen mittlerweile umsichtiger um.

Aus Sicht des SVI ist es auch staatspolitisch absolut unsinnig, Verpackungen kantonal regeln zu wollen, da Wirtschaft generell national und international funktioniert. Die Probleme, die durch zweifellos zu hohen Foodwaste und dem damit verbundenen Verpackungsaufkommen entstehen, sind praktisch in der gesamten Schweiz die gleichen. Insofern plädiert das SVI für eine bundeseinheitliche Lösung in enger Zusammenarbeit mit Recycling- und Entsorgungsunternehmen sowie allen Stakeholdern der Versorgungskette. Das SVI und Swiss Recycling bieten im Rahmen der gesamten Circular-Economy-Agenda ihr Fachwissen allen Interessierten an, auch den kantonalen Umweltämtern. Soweit bis anhin bekannt, wurde in Folge der jurassischen Regelungen auch im Kanton Wallis ein entsprechendes Postulat im Grossen Rat angenommen. Auch im Aargau und in der Zentralschweiz laufen entsprechende Diskussionen auf parlamentarischer Ebene, auch wenn dort noch keine entsprechenden Gesetze verabschiedet wurden.

 Zudem ist es ist sehr heikel, derart unscharfe Begriffe wie «unnötig» in einem Gesetz zu definieren. Was zum Beispiel wären unnötige Autofahrten oder unnötig weite Ferienflüge. Auch eine generelle Rücknahmepflicht im Detailhandel ist eine sehr einseitige «Lösung», da es die unterschiedlichen Entsorgungsbedürfnisse der Bevölkerung ignoriert und auf Zwangsmassnahmen setzt. Überdies werden damit die gesamten hohen Anstrengungen der Verpackungswirtschaft ignoriert, die derzeit mit Hochdruck Verpackungen recyclingfähig und leichter macht. Vieles ist mittlerweile in Bewegung zum Besseren gekommen. Bestimmte Verpackungen ziemlich willkürlich mit pseudo-wissenschaftlichen Argumenten als «unnötig» zu klassifizieren, macht schlichtweg keinen Sinn

X